Biodynamischer Weinbau – was ist das?

Das Stichwort lautet Rückbesinnung. Rückbesinnung auf die älteste Form der ökologischen Landwirtschaft. Nicht mehr biologisch, sondern biodynamisch muss es sein. Wenn man die Weinbranche einmal genauer betrachtet, so fällt einem auf, dass immer mehr Winzer auf die biodynamische Bewirtschaftungsform umstellen. Die Beweggründe dabei sind verschieden, doch noch vor wenigen Jahren galten biodynamisch wirtschaftende Winzer als Einsiedler, die nicht konform mit der restlichen Weinwelt mitschwammen.

Heute ist das anders. Immer mehr Fachhändler spezialisieren sich auf die Vermarktung von biodynamischen, möglichst naturnahen Weinen und sorgen für viel Furore und Gesprächsstoff, denn nachhaltigkeitsbezogene Vermarktungskonzepte liegen im Trend. Aber geht es nur darum? Um die Vermarktung? Betrachten wir die Fakten, so wird einem schnell klar, dass Deutschland zu einem der härtesten umkämpften Lebensmittelmärkte der Welt gehört. Die Biodynamie ist ein Versuch mehr Bewusstsein zu schaffen. Ein Versuch Monokulturen zu brechen und sich die Biodiversität und eine gesunde Landwirtschaft zur Aufgabe zu machen. Lebensmittel, und dazu gehört auch Wein, sind mehr Wert. Biodynmaischer Weinbau hat nichts mit Hokuspokus zu tun, sondern ist ein Versuch dem industrialisierten Einheitsbrei zu entkommen.

In diesem Beitrag möchte ich dir in einfachen Worten näherbringen, was biodynamischer Weinbau eigentlich ist, wer Wein aus biodynamischem Weinbau zertifiziert und was der Unterschied zwischen der biologischen und der biodynamischen Bewirtschaftungsform ist. Wir schauen uns auch an, welche Präparate im biodynamischen Weinbau angewandt werden und wie es um die Wirksamkeit der Präparate steht.

Hinweis: Alle Teile dieses Blogbeitrags stammen aus meiner Bachelorthesis aus dem Jahr 2016. Der Wunsch, meine Thesis über die biodynamische Bewirtschaftungsform zu schreiben, entstand während meines Auslandspraktikums 2015 im Weingut Alois Lageder in Südtirol. Ziel meiner Arbeit war es herauszufinden, welche Bedeutung biodynamische Weine in der Gastronomie haben. Alle Zahlen wurden im Zuge dieses Blogbeitrags aktualisiert.

 

Welche Bewirtschaftungsformen gibt es im Weinbau?

Innerhalb des Weinbaus wird in der Regel zwischen vier Bewirtschaftungsformen unterschieden. Eine Vorgehensweise, die immer weniger praktiziert wird, ist die konventionelle Bewirtschaftung. Hierbei handelt es sich um eine sehr intensive Verfahrensweise, bei der unter anderem ein hohes Maß an schnell wirkenden Mineral- und organischen Düngern zum Einsatz kommt.

Der integrierte Weinbau ist eine Produktionsmethode zur wirtschaftlichen Erzeugung von qualitativ hochwertigen Trauben und Traubenprodukten. Im Vordergrund dieser Produktionsmethode stehen der Schutz der menschlichen Gesundheit sowie die Schonung der Produktionsgrundlagen und der Umwelt. Entstanden ist diese Form der Bewirtschaftung durch den „integrierten Pflanzenschutz“ in den 80er Jahren.

Eine weitere Form stellt der biologisch-organische Weinbau dar, der auch als ökologischer Weinbau bekannt ist. Ein wichtiges Charakteristikum ist die ganzheitliche Betrachtung des landwirtschaftlichen Betriebes. Durch die Pflege der Bodenfruchtbarkeit soll ein intaktes „Ökosystem Boden“ entstehen, aus dem die Pflanzen ihre Nährstoffe beziehen können. Der Stoffkreislauf soll weitestgehend geschlossen und die natürlichen Lebensprozesse sollen dadurch gefördert werden.

Die vierte Bewirtschaftungsform, der biologisch-dynamische Weinbau, ist die ursprüngliche Form des ökologischen Weinbaus und geht auf den Anthroposophen Rudolf Steiner zurück. Dieser hatte zwar nichts mit Wein zu tun. Der Fachkurs jedoch, den er 1924 in Koberwitz mit acht Vorträgen hielt, die mitstenografiert und anschließend unter dem Titel „Landwirtschaftlicher Kurs“ als Buch veröffentlicht wurden, spielt heute in der gesamten biologisch-dynamischen Landwirtschaft und somit auch im entsprechenden Weinbau eine zentrale Rolle. Ähnlich wie in der Homöopathie sieht sich auch die Biodynamik als ein in sich geschlossener Betriebskreislauf, der die Fähigkeit besitzt, sich aus sich selbst heraus zu regulieren. Daneben baute Steiner auf spezifisch wirkende Präparate wie Hornmist, Hornkiesel und verschiedene Pflanzenauszüge sowie auf eine artenreiche Fruchtfolge und Viehhaltung.

 

„In zehn oder zwanzig Jahren werden wir nicht mehr über Biodynamie sprechen. Sondern über gute und gesunde Landwirtschaft. Diesen Weg haben wir eingeschlagen.“ – Clemens Lageder, Im Buch: Von der Freiheit, den richtigen Wein zu machen von Romana Echensperger

 

Die Entstehung der biodynamischen Bewegung

Die biodynamische Bewegung entwickelte sich in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Damals sahen Landwirte, Gutsbesitzer und Lebensmittelverarbeiter ihre Böden durch den missbräuchlichen Einsatz von industriellen Düngemitteln bedroht. Ferner bemerkten die Landwirte eine nachlassende Qualität und Vitalität ihrer Nahrungsmittel.

Da es zur damaligen Zeit weder in der Praxis noch in der Wissenschaft Ambitionen zur Erhaltung der Nahrungsmittelqualität und der Widerstandsfähigkeit der Pflanzen gegenüber Krankheiten und Schädlingen gab, luden Gräfin Johanna und Graf Karl von Keyserlink 1924 den österreichischen Anthroposophen und Geisteswissenschaftler Rudolf Steiner ein, um auf Schloss Koberwitz nahe Breslau einen Kursus über die geisteswissenschaftlichen Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft abzuhalten.

Zu Pfingsten hielt Steiner acht Vorträge vor hundert Teilnehmern, bei denen er Themen wie das Zusammenleben von Erde und Kosmos und die planetarischen Wirkungen auf die Erde und deren Bewohner behandelte.

 

Was bedeutet das Wort biologisch-dynamisch?

Der Begriff biologisch-dynamisch wurde in den ersten Jahren nach dem Kurs in Koberwitz eingeführt und stammt ursprünglich nicht von Rudolf Steiner. Er entwickelte sich durch verschiedene landwirtschaftliche Gruppen, wobei die einen mehr das Biologische bzw. das Lebensgesetzliche betonten und die anderen mehr das Arbeiten mit Kräften bzw. das Dynamische in den Mittelpunkt stellten. Als eine Art Synthese kam dann später der Begriff biologisch-dynamisch zustande. Heute gilt die Biodynamik als die älteste Form der ökologischen Landwirtschaft.

 

Die Grundlagen der biodynamischen Bewirtschaftungsform

Steiner beschreibt die Landwirtschaft als einen lebendigen Organismus, der auf jedem Standort (Hof) individuell gestaltet werden will und seine eigene Charakteristik aufweisen soll. Die Basis für einen autarken Hofkreislauf, in dem Boden, Pflanzen, Tiere und Menschen im harmonischen Gleichgewicht leben und sich zu einem vitalen Gesamtorganismus zusammenschließen können, bilden in der Praxis eine vielfältige Fruchtfolge, eine harmonische/organische Düngung, eine artgerechte Tierhaltung mit hofeigener Fütterung sowie eine bewusste Gestaltung der Landwirtschaft. Dabei spielen die Erhaltung und Steigerung der Bodenfruchtbarkeit, die Förderung der Widerstandskraft von Pflanzen gegen Schädlinge und Krankheiten sowie die Erzeugung von vitalen Nahrungsmitteln für Mensch und Tier eine herausragende Rolle. Im Unterschied zum ökologischen Landbau werden bestimmte Präparate verwendet, welche die selbstregulierenden Kräfte im Naturhaushalt unterstützen sollen. Hierbei sollen die kosmischen Rhythmen des Mondes und der Planeten vom Landwirt berücksichtigt werden.

 

Die biologisch-dynamischen Präparate

Die Präparate, die aus Heilpflanzen und tierischen Hüllen aufbereitet werden, sind das Hauptmerkmal der biologisch-dynamischen Bewirtschaftungsform. Sie haben eine ausgleichende, harmonisierende Wirkung und unterstützen die selbstregulierenden Kräfte des Naturhaushaltes. Insgesamt gibt es neun Präparate, die entweder den Wirtschaftsdüngern (Stallmist, Gülle, Jauche) zugesetzt oder in Wasser gerührt und dann auf die Pflanzen und die Böden gesprüht werden. Diesen Vorgang nennt man auch Dynamisierung, da das Präparat dynamisch im Wasser verrührt wird.

Die wichtigsten und wohl bekanntesten Mittel sind die Feldspritzpräparate Hornmist 500 (Ausbringung auf den Boden) und Hornkiesel 501 (Ausbringung über die Reben), wobei ersteres für Expansion und Wachstum steht. Frischer Kuhdung von bester Qualität wird in Kuhhörner gefüllt und über die Wintermonate im Boden vergraben, wo er sich einem Wandlungsprozess unterzieht. Beim Ausgraben und Lösen des Kuhdungs aus den Hörnern riecht dieser nach frischem Waldboden und fördert das mikrobielle Leben und die Bildung von Humus.

Das Präparat Hornkiesel 501 hingegen steht für Konzentration und Reife. Hier wird fein zermahlener, möglichst reiner Quarz in die Kuhhörner gefüllt und über die Sommermonate in der Erde vergraben.

Daneben gibt es noch die sogenannten Düngerzusatz- bzw. Kompostpräparate wie beispielsweise Kamille, Schafgabe oder Brennnessel. Sie unterstützen Wachstums-, Genesungs- und Fortpflanzungsprozesse und übernehmen dabei die Aufgabe, Substanzen und Prozesse zu organisieren und zu strukturieren.

Alle Präparate werden in homöopathischen Dosen ausgebracht. Dabei gilt, ähnlich wie in der Homöopathie, dass je geringer der materielle Anteil eines bestimmten Stoffes, desto intensiver die Wirkung der entsprechenden Substanz.

 

Brennesseljauche (c) Alois Lageder

 

Wissenschaftliche Erkenntnisse zur Wirksamkeit der Präparate

Bei der Forschungsarbeit des Schweizer Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), bekannt als DOK-Versuch (dynamisch, organisch, konventionell), konnte man feststellen, dass die mit biodynamischen Präparaten gepflegten Versuchsflächen eine deutlich höhere Bodenfruchtbarkeit hinsichtlich Biomasse der Regenwürmer, Anzahl der Beikräuter und Laufkäferarten zeigten als die organisch-biologisch oder konventionell gepflegten Flächen. Zudem ergab ein Langzeitversuch der Washington State University, dass biodynamisch erzeugte Weine eine ideale Balance, also ein ausgewogenes Verhältnis von Extrakt, Frucht, Säure, Alkohol und Tannin aufwiesen. Daneben wiesen biodynamisch erzeugte Trauben höhere Öchslegrade, Phenole, Anthocyane und Tannine auf, welche geschmacksfördernde Eigenschaften besitzen.

 

Clemens dynamisieren (c) Alois Lageder

 

Wer darf zertifizieren?

Weltweit gibt es drei offizielle Verbände, die biodynamisch arbeitende Weinbaubetriebe zertifizieren dürfen: Demeter, Biodyvin und respekt-BIODYN. Daneben gibt es weitere Zusammenschlüsse biodynamischer Betriebe, die zwar nicht als Zertifizierungsorgane fungieren, sich jedoch aus marketingtechnischen Gründen zusammengeschlossen haben, um in der Gemeinschaft stärker auftreten und gemeinsame Ziele umsetzen zu können.

 

Demeter

Der Begriff Demeter leitet sich von der gleichnamigen griechischen Erdmutter und Fruchtbarkeitsgöttin ab, die einst mit dem Wachsen und Gedeihen in Verbindung gebracht wurde. Bereits 1934, nach dem landwirtschaftlichen Kurs in Koberwitz, wurde Demeter als Wort und Marke für biodynamisch erzeugte Lebensmittel eingeführt. 1952 begannen zahlreiche wissenschaftliche Kooperationen mit Universitäten in der ganzen Welt. Im Jahr 1954 wurde schließlich der „Demeter-Bund e.V.“ gegründet. Allein in Deutschland bewirtschaften rund 1.700 Landwirte eine Fläche von über 90.000 Hektar nach den biologisch-dynamischen Leitsätzen. Ferner gehören zum Demeter-Bund e.V. 420 Demeter-Hersteller und -Verarbeiter sowie 140 Vertragspartner aus dem Naturkost- und Reformwaren-Großhandel. Unter dem Dach der Biodynamic Federation – Demeter-International e.V. arbeiten weltweit etwa 5.300 Bauern auf einer Fläche von über 190.000 Hektar nach den anerkannt biologisch-dynamischen Demeter-Richtlinien (Stand jeweils 2020).

Logo Demeter. Quelle: www.demeter.de

 

Bio oder Demeter – worin liegt der Unterschied?

Viele Verbraucher fragen sich, worin der Unterschied zwischen dem EU-Bio-Siegel und Demeter besteht. Laut Demeter setzt die EU-Öko-Verordnung nur das Mindestmaß, während die Demeter-Richtlinien ihren Bauern und Herstellern mit der biodynamischen Wirtschaftsweise erheblich strengere Vorgaben als die EU-Öko-Verordnung machen. Während letztere beispielsweise erlaubt, dass nur einzelne Betriebsteile des Hofes auf biologische Wirtschaftsweise umgestellt und andere weiter konventionell bewirtschaftet werden, muss bei Demeter der gesamte Betrieb umgestellt werden. Darüber hinaus wird die Tierhaltung, der Verzicht auf das schmerzhafte Enthornen der Kühe, der Einsatz von biologisch-dynamischen Präparaten sowie die Fütterung mit Bio- und Demeter-Futter, welches vom eigenen Hof oder einer Betriebskooperation stammt, obligatorisch vorgeschrieben. Daneben sind in der EU-Öko-Verordnung zahlreiche umstrittene Zusatzstoffe erlaubt, die bei Demeter verboten sind.

Doch nicht nur Landwirte versammeln sich unter der Demeter-Marke, sondern auch biodynamisch wirtschaftende Winzer. Die Umstellungszeit für Weinbaubetriebe beträgt in der Regel 3 Jahre. Eine extensive ökologische Vorbewirtschaftung kann den Zeitraum bis zur Demeter-Zertifizierung hierbei verkürzen. In bestimmten Ländern wie beispielsweise den USA, Frankreich und Deutschland ist auch die Kellerwirtschaft eines Weinbaubetriebs in den Demeter-Richtlinien geregelt, die sich allerdings in Strenge und Umfang von Land zu Land unterscheiden. So soll beispielsweise der Einsatz von Reinzuchthefen in Deutschland nur zum Einsatz kommen, wenn die Gärung stecken bleibt, wohingegen in Österreich Reinzuchthefen grundsätzlich unzulässig sind. In einem Punkt sind sich jedoch alle Länder einig, nämlich darin, dass nichts den wahren Charakter oder die tatsächlichen Eigenschaften des Produkts kaschieren sollte.

Die Beweggründe der Winzer für die Umstellung ihrer Betriebe sind verschieden. Viele Winzer haben in der biologisch-dynamischen Bewirtschaftungsform eine Methode gefunden, die dem Menschen mehr Platz einräumt und dessen Horizont im Hinblick auf das Boden- und Pflanzenleben bis hin zum Kosmos verändert. Andere Winzer, deren erste Priorität die Erzeugung hochqualitativer Weine ist, wurden durch Verkostungen biologisch-dynamischer Weine davon überzeugt, dass diese mehr Typizität im Sinne von „Terroir“ und mehr Finesse besitzen. Andere wiederum sind an einer Verbesserung der Bodenstruktur, einer intensiveren Bodendurchwurzelung und an einer höheren mikrobiologischen Aktivität interessiert. Zuletzt gibt es auch solche Winzer, die sich durch die Umstellung auf den biologisch-dynamischen Weinbau einen Vorteil am Markt erhoffen.

Aus welchem Grund auch immer sich Winzer für die biologisch-dynamische Bewirtschaftungsform entscheiden: Das Interesse an einer Umstellung und die Zuwächse an biodynamisch wirtschaftenden Weingütern nach den Demeter-Richtlinien steigt kontinuierlich. Aktuell werden weltweit 15.000 Hektar Rebfläche von 800 Weingütern bewirtschaftet (Stand 2019). Bewirtschaftet – vor allem in Frankreich, gefolgt von Italien, der USA und Deutschland.

 

BIODYVIN

Die französische Organisation „Syndicat International des Vignerons en Culture Bio-Dynamique“ (SIVCBD) mit der Marke „Biodyvin“ wurde 1995 von 15 biodynamisch arbeitenden Winzern ins Leben gerufen, die einen Raum für Diskussionen und Erfahrungsaustausch im biodynamischen Weinbau suchten. Im Jahr 1998 formulierte der SIVCBD biodynamische Richtlinien, die jedes Weingut als Voraussetzung zur Aufnahme in den Verband zu erfüllen hat. Um die Objektivität zu bewahren, entschieden sich die Mitglieder, eine externe Zertifizierungsstelle zu beauftragen. Die Wahl fiel auf Ecocert, eine Organisation zur Bio-Zertifizierung, die im Jahr 1991 gegründet wurde und bis heute ihren Sitz in L’Isle Jourdain (Gers) in Frankreich hat.

Um Mitglied zu werden, muss der Winzer bereits zuvor mindestens drei Jahre ökologisch nach der EU-Öko-Verordnung gearbeitet haben. Entsprechen die durchgeführten Kontrollen von Ecocert den Richtlinien des SIVCBD, so erhält das Weingut das „Biodyvin-Zertifikat“. Auch danach wird die Einhaltung der Richtlinien jedes Jahr aufs Neue geprüft. Ein regelmäßiger Verstoß gegen die Richtlinien führt zum temporären oder endgültigen Ausschluss aus dem Verband. Der SIVCBD versteht sich jedoch nicht nur als Zertifizierungsorgan, sondern vielmehr auch als eine Art Gemeinschaft mit dem gemeinsamen Ziel, die Anbau-Richtlinien und die Qualität des Weins zu verbessern und die gemeinsamen Erfahrungen sowie das einschlägige Wissen mit jedem Mitglied zu teilen.

Heute besteht die Vereinigung aus 148 Mitgliedern in Frankreich, der Schweiz, Italien, Portugal und Deutschland, die gemeinsam knapp 4.000 Hektar nach den biodynamischen Richtlinien bewirtschaften (Stand 2020). Derzeitiger Präsident der Organisation ist Olivier Humbrecht, Master of Wine und Besitzer der Domaine Zind-Humbrecht. Unter seiner Leitung tagt regelmäßig ein Komitee, um die Entwicklung des biodynamischen Weinbaus und der Qualität der Weine voranzubringen. Im Gegensatz zu Demeter ist der SIVCBD eine rein weinspezifische Organisation, die viel Zeit und Geld in die wissenschaftliche Forschung investiert

Logo Biodyvin. Quelle: www.biodyvin.de

 

RESPEKT-BIODYN

Die Vereinigung respekt-BIODYN mit Sitz in Österreich ist, genauso wie Biodyvin, ausschließlich auf die Zertifizierung von Wein ausgelegt. Die Organisation versteht sich jedoch nicht als Markengesellschaft, sondern vielmehr als Interessengemeinschaft von Menschen, die sich zusammengefunden haben, um voneinander zu lernen, sich gegenseitig zu schulen und zu unterstützen. Die Arbeit des Vereins basiert auf eigenen strengen Regeln, den Grundlagen der EU-Öko-Verordnung und auf einer zeitgemäßen Synthese der Ideen Rudolf Steiners sowie den praktischen Erfahrungen aus den vergangenen Jahrzehnten.

Weitergehend verfolgt der Verein das Ziel, nur Rebsorten anzupflanzen, die für den jeweiligen Standort geeignet sind. Auch der Einsatz von genveränderten Organismen in der Weinbereitung wird ausnahmslos abgelehnt. Für bereits biodynamisch arbeitende Winzer dauert die Umstellungsphase ein Jahr. Bei Betrieben, die erst auf biologische Bearbeitung umstellen, sind es drei Jahre. Während dieser Umstellungsphase durchlaufen die Weingüter sieben parallel laufende Integrationsprogramme: standortgemäße Produktion, Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit, Pflanzenpflege, tierisches Leben, Umgang mit Begleitwuchs, Schädlinge und Krankheiten sowie gesamtbetriebliche Maßnahmen. Alle Programme müssen umgesetzt und dokumentiert werden.

Derzeit bewirtschaftet respekt–BIODYN mit 23 Mitgliedern aus Österreich, Deutschland, Ungarn und Italien über 700 Hektar Rebfläche (Stand 2020) und gehört neben Demeter und Biodyvin zu einer weiteren wichtigen Kraft im biodynamischen Weinbau.

Logo respekt-Biodyn. Quelle: www.respekt-biodyn/bio/de

 

Weitere biodynamische Zusammenschlüsse

Neben den bereits aufgeführten Zertifizierern gibt es weitere Zusammenschlüsse von Winzern, die mehr oder weniger nach den biodynamischen Prinzipien arbeiten und sich in Gruppen zusammenschließen, um gemeinsame Ziele wie auch bestimmte Synergieeffekte zu erzielen.

Eine der wohl bekanntesten Organisationen wurde im Jahr 2001 vom Kultwinzer und „Bio-Apostel“ Nicolas Joly in Zusammenarbeit mit 15 weiteren Winzern gegründet. Die Rede ist von der „La Renaissance des Appellations“ mit Sitz in Frankreich. Alle Mitglieder dieser Vereinigung teilen die gleiche Leidenschaft hinsichtlich „Terroir“ und Biodynamie. Gemeinsames Ziel ist es, die Authentizität der einzelnen Weinbergslagen wiederzuentdecken und deren Typizität klar auszudrücken. Mitgliedsberechtigt sind Weingüter, die seit mindestens drei Jahren nach den ökologischen und/oder biodynamischen Richtlinien zertifiziert sind. Des Weiteren müssen die Mitglieder eine Qualitätsurkunde unterschreiben, in der sie die Weinbergs- und Kellerpraktiken darlegen, mit denen sie die Qualität ihrer Weine erreichen möchten.

Den gemeinsamen Nenner aller Mitglieder bilden die Qualitäts-Charter, die von den Gründungsmitgliedern und dem Vorstand festgelegt wurden. Innerhalb dieser 14 Qualitäts-Charter werden Weine verkostet und mit bis zu drei grünen Sternen bewertet. Ausschlaggebende Kriterien für eine möglichst hohe Bewertung sind Maßnahmen, die das organische Leben im Boden fördern sowie der Verzicht auf chemische Produkte. Die Bewertung der Weine soll das Bewusstsein der Winzer hinsichtlich der Weinbergs- und Kellerarbeiten schärfen und Antrieb für eine noch bewusstere Handlungsweise in jeder Hinsicht sein. Ziel ist die vollkommene Transparenz gegenüber dem Konsumenten und ein vernünftiger Wein, der den einzigartigen Charakter der Lagen widerspiegelt. Unter der Leitung von Nicolas und Virginie Joly finden bis zu vier Verkostungen im Jahr statt. Die Kosten, die dabei anfallen, werden unter den Mitgliedern geteilt. 90 % der inzwischen mehr als 200 Mitgliedsbetriebe aus 18 Ländern arbeiten bereits nach den biodynamischen Richtlinien von La Renaissance des Appellations (Stand 2020).

Logo Renaissance des Appellations. Quelle: https://renaissance-des-appellations.com/de/

 

Ein weiterer Zusammenschluss ist die Organisation Consortio ViniVeri. Die 24 Mitgliedsbetriebe sind weder biologisch noch biodynamisch zertifiziert, sondern arbeiten nach den Richtlinien der Organisation. Diese untersagt beispielsweise jeglichen Herbizideinsatz, die Verwendung von Produkten auf synthetischer Basis, Zusatzstoffe bei der Weinbereitung, eine temperaturgesteuerte, verlangsamte oder beschleunigte Gärung oder eine Klärung bzw. Filtration der Weine. Ziel ist es, Winzer, die nach diesen Grundsätzen arbeiten, zusammenzubringen, um Erfahrungen und Ergebnisse zu teilen.

Von diesen Organisationen, die sich der natürlichen Weinbereitung (Naturwein, Natural Wine) verschrieben haben wie beispielsweise VinNatur, S.A.I.N:S oder AVN, gibt es noch weitaus mehr. Hierbei handelt es sich um ein fast soziokulturelles Phänomen, das bei vielen jungen Leuten die Begeisterung für Wein weckt und vor allem für Gesprächsstoff sorgt. Aus Gründen der Unabhängigkeit bewirtschaften diese Winzer ihre Rebflächen nicht zwangsläufig nach den biologischen Richtlinien, weshalb die biodynamische Bewirtschaftungsform hier in den Hintergrund tritt.

 

Wie steht es um Betriebe ohne Zertifizierung?

Es gibt zahlreiche Betriebe, die nach den biodynamischen Leitsätzen arbeiten, sich jedoch aus den verschiedensten Beweggründen nicht zertifizieren lassen. Diese Entwicklung ist kritisch zu betrachten. Zum einen, weil nur durch Kontrolle und entsprechende Zertifizierung ein Weinerzeuger zum Bioweinerzeuger bzw. biodynamischen Weinerzeuger wird, und zum anderen aus Solidaritätsgründen. Demeter beispielsweise ist nicht nur eine Markengesellschaft, sondern in erster Linie ein Rechtsorgan, das täglich politische Arbeit leistet. Von dieser profitiert jeder biodynamische Winzer, ob zertifiziert oder nicht. Somit ist die Zertifizierung am Ende des Tages auch eine Frage der Solidarität und eine Frage der Gemeinschaft.

 

Empfehlenswerte Bücher über den biodynamischen Weinbau

Von der Freiheit, den richtigen Wein zu machen, Romana Echensperger

Agrikultur für die Zukunft: Biodynamische Landwirtschaft heute, Ueli Hurter

Ich hoffe, dass ich mit diesem Blogbeitrag ein wenig Licht ins Dunkel bringen konnte und dir der Einblick in meine Thesis von 2016 geholfen hat, den biodynamischen Weinbau und seine Ansätze und Ziele besser zu verstehen. Mach was draus!

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Deine Lou

*Alle Bilder in diesem Blogbeitrag wurden mir vom Weingut Alois Lageder zur Verfügung gestellt. Besten Dank dafür. Grüße gehen raus! Credits: Alois Lageder

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