Was bedeutet feinherb bei Wein und wie schmeckt er?

Was ist eigentlich feinherber Wein? Eine der meistgestellten Fragen – und das zu Recht. Einen bescheuerteren Begriff hätte man sich nämlich nicht aussuchen können. Als ich das erste Mal einen feinherben Wein in den Händen hielt, ploppten auch bei mir sofort die Fragezeichen auf. Ist das ein herber Wein? Oder ist der Wein ganz einfach extra trocken? Ist er halbtrocken und wenn er halbtrocken ist, warum schreiben die Blödmänner dann nicht einfach halbtrocken drauf? Das ergibt doch keinen Sinn. Hast du dir diese Fragen auch schon einmal gestellt? Aufgepasst, heute bringen wir Licht ins Dunkel, und zwar mit Aha-Erlebnis. Los geht’s!

 

Welche Geschmacksrichtungen gibt es eigentlich bei Wein?

Lasst uns mal geschmeidig anfangen und klären, welche Bezeichnungen es überhaupt gibt. Im deutschen Weinrecht unterscheiden wir nämlich zunächst nur zwischen 4 Geschmacksrichtungen:

  • trocken 0 – 9 g Restzucker pro Liter
  • halbtrocken 9 – 18 g Restzucker pro Liter
  • lieblich 18 – 45 g Restzucker pro Liter
  • süß über 45 g Restzucker pro Liter
*Die Angaben beziehen sich auf Stillwein. Für Schaumwein (Sekt etc.) gelten andere Bestimmungen. Lust auf mehr? Für detaillierte Informationen kannst du dir ganz einfach das deutsche Weingesetz zu Gemüte führen.

Wichtig: Feinherb ist die fünfte, inoffizielle Geschmacksrichtung. Inoffiziell, weil sie zwar allgegenwärtig, aber im deutschen Weinrecht nicht definiert ist. Ach, was sag ich – sie wird nicht einmal erwähnt. Der ganze Wirbel also um nichts? Um die ganze Feinherb-Chose zu verstehen, werfen wir mal einen genaueren Blick auf die Entstehung des Begriffs – keine Sorge, mit mir macht Geschichte Spaß!

 

 

Woher stammt die Bezeichnung feinherb?

Der Begriff „feinherb“ wurde im Jahr 2000 / 2001 von Winzern der Mosel ins Leben gerufen, da die Vermarktung von halbtrocken und lieblich deklarierten Weinen immer schwieriger wurde. Wenn man als Weintrinker ernst genommen werden wollte, musste es trocken sein (dieses Phänomen, oder sollte ich sagen dieser Schwachsinn, hält sich übrigens bis heute hartnäckig). Halbtrocken und lieblich waren auf plötzlich nicht mehr sexy genug. So kam es, dass alle auf einmal Trocken trinken wollten. Selbst eingefleischte Halbtrocken-Lieblich-Trinker fügten sich ihrem Schicksal, schauten beschämt zu Boden und tranken stillschweigend ihren trockenen Riesling. Vielleicht, so munkelt man, gab’s noch das eine oder andere Glas Lieblich heimlich im Keller.

Um den Absatz wieder anzukurbeln und die Halbtrocken-Lieblich-Trinker aus dem Keller zu befreien, hat man dem Kind ganz einfach einen anderen Namen gegeben. Das verstaubte Image von lieblichen, billigen Weinen wurde ad acta gelegt und der Undercover-Süffige wurde geboren. Man nannte ihn feinherb.

 

Wie schmeckt feinherber Wein?

Wie du meiner kleinen Geschichtsstunde entnehmen konntest, schmeckt feinherber Wein weder herb noch trocken. Wein mit der Bezeichnung „feinherb“ ist geschmacklich zwischen halbtrocken und lieblich einzuordnen. Durch den eingeräumten Spielraum beim Restzuckergehalt von 9 bis 45 Gramm pro Liter (siehe Grafik) und weil feinherber Wein gesetzlich nicht definiert ist, variiert die „Süße“ und damit auch die Stilistik eines feinherben Weins von Region zu Region, Winzer zu Winzer und von Rebsorte zu Rebsorte mitunter sehr stark.

Klasse, woran soll ich mich dann jetzt orientieren? Ganz einfach: Im Durchschnitt bringen feinherbe Weine zwischen 15 und 25 Gramm Restzucker pro Liter auf die Waage. Ein feinherber Wein von sehr guter Qualität, beispielsweise aus der Rebsorte Riesling, schmeckt immer fruchtig-spritzig und herrlich erfrischend. Niemals aber pappig-süß, plump, ermüdend oder gar langweilig. Übrigens: Ursprünglich ging es den Winzern der Mosel um die Vermarktung der Rebsorte Riesling. Heute findest du feinherben Wein, egal ob Weißwein oder Rotwein, von nahezu jeder Rebsorte.

 

 

Was isst man zu feinherben Weinen?

Feinherber Wein ist der ideale Begleiter zu deftig-würzigen Gerichten oder zu leicht pikanten Gerichten der asiatischen Küche. Das kann ein Curry, Sushi oder einfach ein Gyros mit würzigem, scharfem Zaziki und Pitabrot sein. Warum das so gut funktioniert? Die leichte Fruchtsüße der Weine legt sich beim Genuss von pikanten Speisen wie ein Feuerschutzmantel auf deine Zunge und lässt die Aromen des Gerichts in den Vordergrund treten. Gleiches Spiel bei Gyros oder Falafel: Ein Riesling feinherb balanciert mit seiner feinen Säure das Salzig-Deftige aus und die Fruchtsüße wiegt die Schärfe des Knoblauchs und der Gewürze ins Gleichgewicht. Probier es einfach mal aus, du wirst begeistert sein! In den USA nennen wir einen feinherben Riesling zu Recht den „palate cleanser“.

 

Was sind die besten feinherben Weine?

Ganz klar: die vom Riesling! Warum? Weil es nichts Geileres gibt als das Zusammenspiel von Süße und Säure. Ohne Säure fehlt Leben im Wein. Ist uns etwas zu süß, verlangen wir nach Säure. Ist uns etwas zu sauer, verlangen wir nach Süße. So ist es auch bei feinherben Weinen. Ohne Säure wirken sie plump, pappig und langweilig. Und eine Rebsorte, die es nun mal so richtig drauf hat, ist der Riesling.

 

Feinherber Wein – das Wichtigste auf einen Blick

  • Die Geschmacksrichtung feinherb ist im deutschen Weingesetz nicht definiert
  • Bei einem feinherben Wein handelt es sich nicht um einen trockenen oder herben Wein
  • Feinherber Wein sollte nicht automatisch mit dem Restzuckergehalt eines halbtrockenen Weins bzw. mit der Geschmacksrichtung halbtrocken gleichgesetzt werden
  • Feinherber Wein ist geschmacklich ein Mittelding zwischen halbtrocken und lieblich
  • Feinherbe Weine weisen einen durchschnittlichen Restzuckergehalt von 15 bis 25 Gramm pro Liter auf
  • Der Restzuckergehalt und die Stilistik eines Weins sind stark regionsabhängig und variieren von Winzer zu Winzer und von Rebsorte zu Rebsorte
  • Feinherber Wein schmeckt fruchtig-erfrischend, niemals aber pappig-süß und langweilig
  • Feinherber Wein ist ideal als Aperitif geeignet und passt hervorragend zu leicht pikanten Speisen

Und zu guter Letzt! Du bist nicht weniger Weinkenner, weil du lieber halbtrockene oder liebliche Weine magst. Trink das, was du willst. Und jeder, der dich dafür verurteilt, hat in der Weinbranche nichts verloren. Solange du nicht die süße 1,99-Euro-Plörre vom Aldi trinkst, ist mir das zumindest völlig egal …

#bringflavorhome

Grapes & Love

Deine Lou