Weinwege Württemberg: Weinwanderwege, Weingut – und Einkehrtipps!

„Die wirkliche Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu erforschen, sondern darin, altes mit neuen Augen zu sehen!“ – wow, was für ein philosophisches Opening. Nein, aber jetzt mal ganz im Ernst. Vergangene Woche war ich zu Besuch im Weinanbaugebiet Württemberg. Zusammen mit dem Tourismusverband „Weinwege Württemberg“ durfte ich 2 von den insgesamt 8 Regionen besuchen: den Kraichgau-Stromberg, auch bekannt als das „Land der 1.000 Hügel“, und das Marbach-Bottwartal. Und was soll ich sagen? Marcel Proust, der Schöpfer dieses hochphilosophischen Zitats aus Zeile 1, hat verdammt noch mal recht. Hinter mir liegen zwei fantastische Tage mit spektakulären Weinwanderwegen, fantastischen Weinen und jeder Menge Zwiebelrostbraten. Deutschland ist wunderschön, und dass das Gute so nah liegt, vergessen wir leider viel zu oft. Im heutigen Blogeintrag gibt’s jede Menge Tipps für Wanderwege, Weingüter und Einkehrmöglichkeiten für deinen Kurzheimaturlaub in den Regionen Kraichgau-Stromberg und dem Marbach-Bottwartal entlang der Weinwege Württembergs.

 

Besigheim – die schönste Weinsicht Württembergs!

Mein Kurzurlaub im Rotweinländle Württemberg beginnt im malerischen Fachwerkstädtchen Besigheim in der Region Kraichgau-Stromberg. Keine 5 Minuten Fußweg vom Stadtkern Besigheim entfernt läuft man entlang der Enz bis zum Aufgang der Himmelsleiter. Ab hier geht es steil bergauf – nämlich 400 Stufen. Einmal erklungen, erreicht man verschwitzt –zumindest ging es mir so – die „schönste Weinsicht Württembergs“, die „Weinkanzel“. Von hier aus hat man einen spektakulären Ausblick auf die steilen Weinbergterrassen Besigheims, die sich wie ein Amphitheater um die Altstadt legen. Wer gut im Training ist, wandert von der Weinkanzel aus gleich weiter. Ab hier starten nämlich 9 Wanderwege. Darunter beispielsweise die „Lemberger-Tour“ von Bönnigheim zum Michaelsberg oder die 12 Kilometer lange „Weinterrassen-Tour“ durch die Weinberge um Kirchheim und den alten Neckarbogen bei Bönnigheim. Zu meinen absoluten Lieblingstouren gehört aber definitiv die 25 Kilometer lange „Besen-Tour“ – oder, wie ich sie liebevoll umgetauft habe: die „Laufen & Saufen Tour“.

Tipp für meine „Vierteleschlotzer“: achtet auf die Öffnungszeiten. Die meisten Besenwirtschaften (aka Straußwirtschaft aka Gutsauschank) haben nur saisonal geöffnet. Die „Besen-App“ vom Tourismusverband Kraichgau-Stromberg sagt dir genau, wann welche Besenwirtschaft geöffnet hat.

Egal für welche der 9 Touren du dich entscheidest, festes Schuhwerk und der fashionable „Zwiebellook“ sind Pflicht! Wer so richtig eskalieren will, der knöpft sich ohne Umwege die 59 Kilometer lange „3B-Tour“ vor, die alle anderen Touren umfasst. Sozusagen acht in einer.

Einkehrtipp: Restaurant & Café Hirsch in Besigheim

 

 

Weingut Dautel – es wird burgundisch! 

Weiter geht es von Besigheim ins benachbarte Bönnigheim. Hier liegt das 17 Hektar große Familienweingut Dautel, welches ganz klar zu den Spitzenbetrieben Württembergs gehört. Besonderer Fokus – neben Riesling, Spätburgunder und Lemberger – liegt auf der Rebsorte Chardonnay. Damals noch von Papa Dautel im Versuchsanbau gepflanzt, sind die Dautels heute im Besitz der wohl ältesten Chardonnay-Weinbergslage Württembergs. Bekannt ist das Familienweingut aber nicht für alte Weinberge, sondern für seinen gekonnten Umgang mit dieser oft kniffligen Rebsorte und die daraus resultierenden Spitzenergebnisse.

Probiertipp: Chardonnay -S-

 

Roßwag: meditatives Fachwerk-Laufen!

Ok, zugegeben – so etwas habe ich noch nie gemacht! Eine Zu-Fuß-Tour, und zwar durch eine Fachwerkstadt. Genauer gesagt durch Roßwag. Stadt ist auch irgendwie übertrieben. Roßwag ist ein 1.300-Seelen-Kaff, gehört zu Vaihingen an der Enz und ist bekannt für seine malerische und zutiefst beruhigende Fachwerkidylle mit direktem Blick auf steile Weinbergterrassen. Ihr glaubt mir das eh nicht, aber ich habe dieses Fachwerk-Laufen, fantastisch geführt von Harald Burkhardt, extrem genossen. Warum? Weil es so „unspektakulär normal“ war und weil ich es in unserer „höher, schneller, besser Gesellschaft“ als unglaublich erfrischend und zugleich besänftigend empfunden habe. Besonders schön zu laufen ist im Übrigen der Enzschleifen-Rundweg entlang der Steillagen und Trockenmauern des Weinbergs „Roßwager Halde“.

Einkehrtipp: Lamm Rosswag – „Sternegastronomie“ im klassischen Sinne, deren Weinkarte ausschließlich mit Weinen aus deutschen Landen bestückt ist.

 

 

Weingut Roter Faden – steil, steiler, Roßwager Halde!

Nur einen Katzensprung von Roßwag-City entfernt, so etwa 800 Meter, befindet sich das Weingut Roter Faden. Olympia und ihr Mann Hannes, beides Geisenheimer, bewirtschaften hier 3 Hektar Rebfläche – konsequent biodynamisch und durch Demeter zertifiziert. Die alten Rebstöcke, die auf blauem Muschelkalk in dem besonders steilen Weinberg „Roßwager Halde“ wachsen, haben 55 Jahre und mehr auf dem Buckel.

Apropos Buckel – die Roßwager Halde ist, wie viele Weinberge in Württemberg, nicht flurbereinigt. Das heißt, dass eine Mechanisierung bzw. eine maschinelle Bewirtschaftung kaum bis gar nicht möglich ist. Die meisten Winzer, denen hier ein paar Terrassen gehören, betreiben das Ganze im Nebenerwerb, denn der klassische Mischbetrieb – ein bisschen Obst, ein bisschen Wein – war hier früher gang und gäbe.

Aber zurück zu Olympia und Hannes, die den ganzen Spaß als hauptberufliche Tätigkeit ausüben. Lemberger ist das Steckenpferd der beiden. Ausgebaut wird er zumeist auf der Vollhefe und in gebrauchtem Holz. Das Flagship der Zwei ist „die Endschleife“ – und ein ganz klarer Probiertipp. Auf die Frage, was denn der blaue Muschelkalk mit den Weinen macht, sagt Olympia: Die Weine schmecken einfach anders. Sie haben mehr Säure, tendieren zu Flüchtigen und die Tannine sind sehr elegant und fein. Ganz typisch sind Aromen von Kirsche und Johannisbeere.“

Probiertipp: Neben Wein macht Olympia übrigens auch Wermut. Knaller, das Zeug. Wie Iberogast aus der Apotheke – halt nur in geil.

 

Weingut Schlossgut Hohenbeilstein – Kabinettchen, bitte! 

Nach einer entspannten Nacht und einem fantastischen Abendessen im Restaurant & Hotel Lamm in Horrheim – warum kann man im Ländle überall so unverschämt gut essen? – ging es für mich weiter in die Region Marbach-Bottwartal in Richtung Burg Hohenbeilstein. Nach einer spannenden Flugvorführung der Burgfalknerei wurde ich keine 5 Gehminuten entfernt herzlichst von Joscha vom Weingut Schlossgut Hohenbeilstein in Empfang genommen. Mit im Gepäck: ein Riesling Kabinett – und was für einer.

Ist das nicht witzig? Württemberg ist propagiertes Rotweinland. 70 % der Rebfläche, die hier stehen, entfallen auf Rotwein. Darunter Rebsorten wie Trollinger, aus dem geniale Vesperweine gekeltert werden und die man am besten leicht gekühlt trinkt, sowie kräftigere und unfassbar elegante Weine der Rebsorte Lemberger, die – Hinweis: alle nationalstolzen Österreicher sollten diese Zeile überspringen – dem österreichischen Pendant, dem Blaufränkisch, in nichts nachstehen. Denn – nota bene – Württemberg ist eben nicht nur für Rotweine bekannt, sondern insbesondere für extrem charakterstarke und unverwechselbare Weine aus der weißen Rebsorte Riesling.

Nach Mosel, Pfalz, Rheinhessen und dem Rheingau belegt Württemberg nämlich mit ca. 2.100 Hektar Riesling-Rebfläche Platz 5 der deutschen Weinanbaugebiete. Einfach nur genial, was württembergische Winzer so alles auf die Flasche ziehen – so wie Joscha. Denn ich habe mit wirklich allem gerechnet, aber sicherlich nicht mit einem süffigen Kabinettchen. Neben dem Riesling widmet sich Joscha, der das 17 Hektar große Bio-Familienweingut seit 2019 in 3. Generation weiterführt, insbesondere dem Spätburgunder.

Wer sich nach reichlich Kabi wieder nüchtern laufen will, kann eine 14 Kilometer lange Burgenwanderung von der Burg Hohenbeilstein zum Schloss Wildeck durch Weinberge vorbei an Bilderbuch-Streuobstwiesen unternehmen.

Einkehrtipp: Gutsausschank im Weingut Krohmer in Beilstein. Unbedingt den Zwiebelrostbraten probieren – was ein Moped!

 

 

Weingut und Edelbrennerei Gemmrich – einfach unkaputtbar!

Was braucht man nach ordentlich Spätzle, Rostbraten und noch mehr Zwiebeln? Genau, einen ordentlichen Schnappes. Mein Stichwort, mich auf den Weg zu Anja vom Weingut und der gleichnamigen Edelbrennerei Gemmrich zu machen. Die Kulturlandschaft des Marbach-Bottwartals umfasst nämlich nicht nur Weinberge, sondern auch eine großartige Vielfalt an alten Streuobstwiesen, deren Früchte die Gemmrichs in feine Brände verwandeln. Neben den hervorragenden Bränden, die nicht umsonst zu den besten Deutschlands gehören, ist das Weingut Gemmrich für eine ganz bestimmte Sorte von Reben bekannt – die sogenannten pilzwiderstandsfähigen Rebsorten (kurz PIWIs).

Dabei handelt es sich um sogenannte Neuzüchtungen wie Souvenir Gris, Cabernet Blanc oder Bronner. Sie sind unempfindlicher gegenüber bestimmten Krankheiten wie z. B. dem echten oder dem falschen Mehltau (Peronospora) und müssen infolgedessen weniger gespritzt werden. Auch sind die Abstände zwischen den jeweiligen Spritzintervallen um ein Vielfaches größer als bei konventionellen Rebsorten. Die im Zuge des Klimawandels häufig zu wiederholenden Spritzvorgänge, insbesondere in schwierigen Jahren wie 2021, und die nicht mechanisierbaren, steilen Weinbergterrassen führen dazu, dass viele Winzer ihre Weinbergslagen aufgeben müssen. Schlauchspritzen ist nicht nur eine Tortur für den Körper, es ist schlicht und ergreifend auch wirtschaftlich in Anbetracht von Lohnkosten und erzieltem Verkaufspreis kaum noch tragbar.

Der Anbau von PIWIs schont also nicht nur die Umwelt, sondern trägt auch zum Erhalt von Kulturlandschaften wie den hunderten alten Weinbergterrassen bei. Auch Weingüter wie das Weingut Roter Faden aus Roßwag beginnen bereits nächstes Jahr mit dem Anbau von Souvenir Gris & Co.

Probiertipp: Bronner aus der Weinlinie „Unkaputtbar“

#bringflavorhome

Grapes & Love

Deine Lou

* Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Weinwege Württemberg