Was ist eigentlich ein guter Wein?

Lou, was ist ein guter Wein? Eine Frage, die ich tatsächlich am laufenden Band gestellt bekomme. Warum? Weil Wein eine emotionale Kiste und für viele nicht greifbar ist. Man hat schlicht und ergreifend Angst, irgendetwas Falsches zu sagen, sich zu blamieren oder den falschen Wein zu kaufen. Um die Frage nach dem „guten Wein“ zu beantworten, müssen wir aber gar nicht so tief in die Materie Wein einsteigen. Machen wir uns mal locker und projizieren die Fragestellung der Einfachheit halber auf ein anders Produkt. Zum Beispiel auf ein Auto. Was ist ein gutes Auto?

Jedes Auto muss verschiedene Sicherheitstest, Wartungen und Stichproben über sich ergehen lassen, bevor es auf dem Markt zugelassen werden darf. Wenn das Auto einwandfrei funktioniert und fahrtüchtig ist, handelt es sich, unabhängig von Preis, Marke und Aussehen, um ein gutes Auto. Es ist qualitativ gemessen nicht schlecht, da es alle Tests bestanden hat und funktioniert. Ob der Kunde nun einen Kleinwagen, einen Oldtimer oder einen Luxusschlitten kauft, hängt nicht mit der eigentlichen objektiv gemessenen Qualität zusammen (denn fahren tun sie ja alle), sondern mit der Erwartung und den Bedürfnissen des Kunden. Der eine fährt gerne schnell und will auf Schnickschnack nicht verzichten, der andere will einfach nur ein Auto haben, welches im besten Fall vier Ränder hat und ihn von A nach B bringt.

Merke: Auch Wein muss sich vor der Vermarktung einigen Qualitätskontrollen unterziehen. Rückrufe und Reklamationen wird es, unabhängig vom Produkt, immer geben. Solange aber das Produkt seine Funktion erfüllt und frei von Fehlern ist, handelt es sich, rein objektiv betrachtet, um ein gutes Produkt.

 

Unsere Erwartungen sind entscheidend

Projizieren wir diese Feststellung auf einen Wein, ist die Frage nach dem „guten Wein“ sehr einfach zu beantworten. Ein guter Wein ist ein Wein, der deine Erwartungen und Bedürfnisse erfüllt. Lass mich dir das an einem Beispiel noch einmal genauer erklären:

Kunde A kauft gerne lieblichen Wein beim Discounter. Der Wein soll maximal 2,50 € kosten, er sollte angenehm süßlich im Geschmack sein und im besten Fall besoffen im Kopp machen – sind diese Erwartungen und Bedürfnisse erfüllt, handelt es sich für Kunden A um einen guten Wein. Ich nenne ihn jetzt einfach mal den Kleinwagenfahrer.

Kunde B kauft i. d. R. nur bei ausgesuchten Produzenten und Weinhandlungen. Der Wein soll möglichst aus biologischem bzw. biodynamischem Anbau kommen, er soll individuell gewachsen und nicht „gemacht“ worden sein. Der Wein soll den Kunden fordern, in Ekstase versetzen und geschmacklich gänzlich überzeugen. Der Kunde sucht das Wow-Erlebnis. Der Preis spielt, solange die Leistung stimmt, keine Rolle. Das kann ein Wein für 8 € oder ein Wein für 30 € sein. Solange seine Erwartungen und Bedürfnisse erfüllt sind, handelt es sich für Kunden B um einen guten Wein. Ich nenne ihn den Oldtimer-Fahrer.

Kunde C kauft am liebsten Weine, die ihm von vornherein etwas sagen. Es ist primär nicht wichtig, was in der Flasche ist, sondern was auf dem Etikett steht. Geld spielt eine Rolle. Es wird nur in das investiert, was Ruf und Namen hat. Solange er einen auf dicke Hose machen kann, sind seine Erwartungen und Bedürfnisse erfüllt. Für Kunden C handelt es sich hierbei um einen guten Wein. Ich nenne ihn den Luxusschlitten-Fahrer.

Du siehst, ob wir einen Wein gut finden oder nicht, hängt maßgeblich von unseren Erwartungen und Bedürfnissen ab. Dabei ist es in erster Linie völlig egal, ob wir von Wein, einem Auto oder von einem Backofen sprechen.

 

Was beeinflusst unsere Erwartungen?

Interessant ist auch, was unsere Erwartungen bzw. unseren Geschmack beeinflusst. Unser Geschmack ist nur eine Momentaufnahme und verändert sich, sofern wir ihn fordern, kontinuierlich weiter. Durch diese Faktoren wird unser Geschmack beeinflusst und nachhaltig verändert:

  • Emotionen
  • Vorlieben
  • Abneigungen
  • Erinnerungen
  • Erfahrungen
  • Allgemeines Befinden

 

Negative und positive Aspekte bei Wein

Bei der Verkostung von Weinen gibt es viele Punkte, die zu einer schlechten Bewertung führen können. Nachfolgend einige negative als auch positive Aspekte. Das sollte nicht dogmatisch betrachtet werden, sondern dir lediglich helfen, den Wein besser einordnen zu können. Geh die Punkte bei deinem nächsten Glas Wein einmal spaßeshalber durch. Je mehr Neues du verkostest und ab und zu analysierst und darüber nachdenkst, desto eher entwickelst du ein Gefühl für Richtig und Falsch:

Negativ:

  • Weinfehler, z. B. der starke Geruch nach Kork
  • Sehr unreifes, ruppiges Tannin
  • Stark vordergründiger Geruch nach Holz
  • Zu viel Säure / zu wenig Säure
  • Stark parfümierter Geruch
  • Stark alkoholisch, brennend und heiß
  • Konturloser und plumper Gesamteindruck,
  • Untypisch für die Rebsorte, kein Charakter, enttäuschend

Positiv:

  • Keine Weinfehler, „saubere Nase“
  • Gut integriertes Tannin
  • Eleganter und harmonischer Gesamteindruck
  • Erfrischende Säurestruktur
  • Komplex in Duft und Geschmack
  • Typisch für die Rebsorte, markant und trotzdem individuell

Richtig schlechten Wein gibt es so gut wie gar nicht mehr. Es gibt nur Weine, die nicht unseren Erwartungen und Bedürfnissen entsprechen. Erlaubt ist, was gefällt – erlaubt ist, was dir schmeckt. Hör auf dein Bauchgefühl und probier auch mal etwas Neues aus. Fordere deinen Geschmack heraus. Mach neue Erfahrungen, entwickle dich weiter. Wer weiß, vielleicht werden deine Erwartungen ja schon bald übertroffen.

#bringflavorhome

Grapes & Love

Deine Lou